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Hahnen

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Wirte

Erlaubnis Christian Knecht

Erlaubnis Christian Knecht, 1875

Der Pliezhäuser Bierbrauer Christian Knecht (*1849) erhielt am 2. November 1875 die Erlaubnis im Haus Nr. 41 „Wein, Most, Bier und Brannwein“ auszuschenken. Natürlich gegen Entrichtung eines Conzessionsgeldes.

Erlaubnis Gottlieb Dalhäuser, 1880

So richtig liefen die Geschäfte jedoch nicht, bereits fünf Jahre später musste er aufhören, er zog mit seiner Familie nach Nellingsheim/Wolfenhausen.

Sein Nachfolger war der Bierbrauer und Lammwirt aus Berg bei Ehingen, Gottlieb Dalhäuser (* 1838), der das Anwesen aus der Konkursmasse des Knecht kaufte. Er erhielt ebenfalls die Schankerlaubnis für „Wein, Most, Bier und Branntwein“ und betrieb Brauerei und Wirtschaft vom 16.03.1880 an für die nächsten 8 Jahre. Dalhäuser verließ danach Pliezhausen und zog nach Reutlingen.

Ihm folgte der aus Frickenhausen stammende Bierbrauer Eduard Ludwig Hahn (1859-1932). Es ist anzunehmen, dass er es war, der dem „Hahnen“ seinen Namen gab, als er ihn ab 1888 weiter bewirtschaftete. Das Bier stammte aus der eigenen Brauerei, die im Gebäude nebenan von ihm betrieben wurde.
Im Jahre 1920 hörte er mit der Bierbrauerei auf, betrieb aber weiterhin eine Schnapsbrennerei. Den Hahnen führte er bis zur Übergabe an seinen Sohn Eduard Heinrich Hahn (1892-1944), der ebenfalls Bierbrauer gelernt hatte. Dieser erhielt am 16. Juli 1929 vom Bezirksrat des Oberamtsbezirks Tübingen die Erlaubnis in zwei 30 und 20 qm großen Wirtschafträumen des I. Stocks seine Wirtschaft zu führen. Neben der Schnapsbrennerei, die er von seinem Vater übernahm, baute er noch einen Kohlenhandel auf.

Nach seinem Tod erhielt seine Frau,  Marie Martha, geb. Bayer (1896-1964), die Tochter des Kronenwirts Adolf Tobias Bayer, am 8. Juni 1944 die Erlaubnis, in 2 Zimmern im 1. Stock eine „Schankwirtschaft umfassend den Ausschank von Wein, Bier, Obstmost, Branntwein und nichtgeistigen Getränken“ zu betreiben. Neben der Wirtschaft war im Hahnen für kurze Zeit auch noch die Poststelle untergebracht.

Ihr Sohn Eduard Hahn (1921-2015) übernahm ab 1945 den Hahnen, bevor er ihn im Jahr 1953 an seine Schwester Lydia übergab und danach im daneben liegenden Gebäude einen Brennstoff- und Getränkehandel führte.
Hahnenwirts Lydia war dann für die nächsten vierzig Jahre die Hahnenwirtin in Pliezhausen. Nur eine kurze Pause war dazwischen Ruhe, als der alte Hahnen 1977 abgerissen und ein Jahr später, neu gebaut, an Silvester 1978 wieder eröffnet wurde und den Lydia und Ewald Kuhn dann bis zum verdienten Ruhestand führten.
Im Mai 1994 folgte der Wirt Lecter, allerdings wenig erfolgreich. Bereits im Dezember desselben Jahres machte der Hahnen wieder zu. Von 1996 an wurde er schließlich von der Familie Blum/Stehle betrieben und schloss dann bald für immer die Türen.

Als bleibende Erinnerung an den Hahnen und die über 100jährige Bewirtschaftung durch die Familie Hahn sei auf das Hahnengässle verwiesen, das von der Deutschen Gasse aus zur Friedhofstraße führt. Zum Hahnen musste man nur noch über die Straße – und die Treppe hoch.

Gebäude

SitPlan

‚Situationsplan‘ aus dem Jahr 1885 mit der Wirtschaft und der Brauerei

Als der Bierbrauer Christian Knecht die Wirtschaft eröffnete stand das Gebäude, ‚ein zweistöckiges Wohnhaus unten im Dorf mit zwei Wohnungen‚ schon viele Jahre. Zuvor war sein Vater Johann Jacob Knecht als Küfer dort sesshaft. Dieser hatte das Gebäude bereits 1844 von Jakob Knapp, „Beck“, gekauft. Ob dieser allerdings schon eine Bäckerei im Gebäude hatte, ist nicht geklärt. Aber zumindest war im 2. Stock des Hauses ein Backofen eingebaut.

Neben der Wirtschaft gehörte zum Anwesen noch die Bierbrauerei mit einem zweistöckigen gewölbtem Keller, einem Eiskeller sowie eine Scheuer. Die ebenfalls dazu gehörige landwirtschaftliche Fläche „bei der Gasse“ war recht groß und reichte bis zur heutigen Achalmstraße. Diese Fläche wurde für den Anbau von Gerste genutzt, die in der zur Brauerei gehörenden eigenen Mälzerei verarbeitet wurde.

Die Besonderheit des alten Hahnen war, dass er keinen Keller hatte. In den unteren Räumen waren der Stall und später dann Lager- und Kühlraum. Der Gastraum und das Nebenzimmer, die für 100 Personen Platz boten, waren im ersten Stock.
Nach und nach rutschten die Stützmauern ab und so kam es im Lauf der Zeit dazu, dass der Hahnen einen „Bauch“ hatte, weshalb das Gebäude schließlich auch abgebrochen werden musste.

Im neuen Hahnen waren die Wirtschaftsräume und Küche nun ebenerdig, im Gastraum hatten 130 Personen Platz. Im Keller war ein weiterer Wirtschaftsraum mit einer Bar, in dem nochmals 60 Personen Platz hatten. Zusätzlich wurde für Gäste ein Fremdenzimmer bereit gehalten.

 

 

Aus der Geschichte des Hahnens

Zu früheren Zeiten hatte auch der Hahnenwirt neben seiner Wirtschaft und Brauerei noch Vieh und ein Pferd. Das gebraute Bier wurde nicht nur in der eigenen Wirtschaft ausgeschenkt, sondern auch an andere Wirtschaften verkauft.
Die Brauerei brachte viel Arbeit mit sich, so war Eduard Hahn auf weitere Hilfe angewiesen. Am 13. Februar 1892 und am 11. Juni 1892 setzte er folgende Annoncen in den Reutlinger Generalanzeiger:

GEA_Knecht

Abschrift Reutlinger Generalanzeiger

GEA_Mädchen

Abschrift Reutlinger Generalanzeiger

 

 

 

 

 

 

 

Sein Angebot an Bier umfasst mehrere Sorten wie folgende Anzeige aus dem Jahr 1909 zeigt:

GEA_Spezialbier

Abschrift Reutlinger Generalanzeiger

Als die Bierbrauerei eingestellt wurde, hatte Eduard Ludwig Hahn im Brauereigebäude eine Schnapsbrennerei eingerichtet, die dann auch vom Sohn Eduard Heinrich weiter geführt wurde. Schon zu früheren Zeiten wurden im Hahnen Essen angeboten. Lydias Vater hatte regelmäßig Wild in seinem Angebot.

Als Eduard vor dem Krieg im wöchentlichen Wechsel erst beim Westwallbau und später beim Autobahnbau eingesetzt wurde, führte während dieser Zeit seine Frau die Wirtschaft weiter. Während des Krieges ging der Betrieb normal weiter, die Wirtschaft hatte nachmittags ab 15 Uhr offen. Einquartiert wurde niemand in den Hahnen, aber abends kamen regelmäßig Soldaten mit Kanistern und holten Wein aus dem Keller.

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Der alte Hahnen um 1900 mit der Wirtin Friederike Christiane Hahn und ihren Kindern Eduard und Frida, im Hintergrund die Brauerei.

 

Die Hahnentreppe, über die man in die oben liegende Wirtschaft kam, trug zwangsläufig so manche Geschichte in ihren Stufen. So auch die eines Fahrrads.
Während des Faschings nahmen zwei Gäste das Fahrrad eines Italieners, das unten angelehnt war, mit in die Gaststube hoch. Nachdem sie gut „geladen“ hatten, fuhren sie mit dem Fahrrad die Hahnentreppe runter, das Hinterrad hat diese Tortur natürlich nicht überstanden. Der Italiener kam zu Lydia gerannt „Oh Mamamia, mein Fahrrad kaputt, was machen?!“ Lydia kam gleich mit runter, schnappte sich die beiden Gäste und forderte sie auf nach einem neuen Hinterrad zu schauen: „Der Mann ist auf das Fahrrad angewiesen, da er damit zur Arbeit fährt“. Die beiden sind dann gegangen, einer kam mit seinem Fahrrad zurück und gab es dem Italiener, der nun sogar ein besseres hatte, als zuvor. „So isch no au wieder …“

Geschichten gab es genug im Hahnen, eine davon musste die Hahnenwirtin  dem Südwestfunk Tübingen für eine Reportage erzählen:

Ein Gast ist jeden Abend in den Hahnen gekommen, um seinen Schoppen Bier zu trinken. Einmal als er wieder saß, kam seine Frau, um ihn zu holen „Mann, komm, morgen früh musst Du früh aufstehen, wir müssen heim“. Selbiger ist aber nicht aufgestanden und hat sich nochmals seinen Stammtischbrüdern zugewandt, seine Frau hatte sich derweil mit anderen Gästen unterhalten. Plötzlich habe sie bemerkt, dass ihr Mann fehlt. Vielleicht sei er aufs Klo gegangen, meinte sie. Sie hätten dann dort nachgeschaut, aber ihn nirgends gefunden.
Tatsächlich sei der Gast vom Klo aus in die Küche und dort durchs Fenster raus und nach Hause. Als seine Frau schließlich auch heim ging, war die Tür verschlossen, niemand hat auf Klopfen aufgemacht. Als dann doch das Fenster aufgegangen sei und der Ehemann runter gerufen habe, wer denn da sei, habe seine Frau hoch gerufen „Ha ich, Dein Weib“. Der Mann habe aber runter gerufen, das könne nicht sein, die sei nie fort und habe das Fenster wieder geschlossen. Seine Frau habe er vor verschlossener Türe stehen lassen, weshalb diese die Nacht über bei ihrer Tochter, die auch im Flecken wohnte, verbringen musste. Seit diesem Abend sei die Frau nie wieder in den Hahnen gekommen, um ihren Mann zu holen.
Schon im alten Hahnen war der Stammtisch eine feste Einrichtung, die nicht wegzudenken war. Zuletzt umfasste er ungefähr 15 Gäste, die auch dann und wann Feste und Feiern veranstalteten. Da kam schon mal auch eine Tänzerin oder ein Zauberer zu einem Auftritt.
Nicht zu vergessen die Momente, wenn Ewald die Löffel aus der Schublade holte und die Löffelpolka zum Besten gab.

Bekannt war der Hahnen weit über den Ort hinaus für seine Küche, besonders die sauren Kutteln und der Rostbraten waren ein Dauerbrenner, der kaum einen Platz übrig ließ. Von August bis Weihnachten gabs donnerstags regelmäßig Zwiebelkuchen.
Kamen Sonntagmittags einmal weniger als 130 Essen aus der Küche, fragten sich die Wirtsleute schon, ob denn heute niemand komme. Abends waren es meistens nochmals 80 Essen. Dafür wurden bereits samstags die Spätzle gemacht, für die 100 Eier benötigt wurden. Die Kartoffeln für den Kartoffelsalat, 80 Portionen waren für einen Sonntag normal, wurden schon am frühen Morgen von fleißigen Händen geschält. Ohne zusätzliche Helfer in der Küche war die Arbeit für Lydia im neuen Hahnen nicht mehr zu bewältigen.
Als einmal ein Musikverein aus Jugoslawien zu Gast war, sei der Bürgermeister gekommen und hätte ihr gesagt, sie müsse unbedingt 40(!) Rostbraten machen. Lydias Einwand, dass sie diese Menge nicht machen könne, ließ der hartnäckige Bürgermeister nicht gelten. Letztlich hatte dann doch jeder seinen Rostbraten im Teller.

Daneben war der Hahnen auch regelmäßiger Treffpunkt des Schachvereins und des Zithervereins, die sich in den unteren Gasträumen trafen. Aber auch andere Vereine kamen nach der Probe oder dem Training in den Hahnen, um Durst und Hunger zu stillen.

Vom Gasthaus zum Hahnen bleibt die lebendige Erinnerung an die gemütliche Gaststube, ihre Wirte und
ihre Gäste sowohl aus der Pliezhäuser Dorfgemeinschaft als auch aus fern und nah.

 

Quellen:
Gemeindearchiv Pliezhausen
Bauamt Pliezhausen
Lydia Kuhn
Anneliese Bantleon

(c) Klaus Hermann, 2016