Zurück zu Alt-Gaststätten-

Hirsch

Gasthof zum Hirsch

Hirsch-Aufschrift-Giebel

Um 1730 bis zum Abbruch 1968

Gedanken zur Oberamtsbeschreibung Tübingen von 1867
von Anneliese Bantleon, 2014

Über Pliezhausen ist unter anderem darin zu lesen:

Sodann war das jetzige Gasthaus zum Lamm früher ein Schlösschen, wie seine reiche Bauart noch jetzt verräth. An seinem steinernen ersten Stock ist gegen den Hof hin eingemeißelt: Anno 1623. Dieser Bau steht in Gottes Hand und ist zum BRAITEN STEIN genannt; der zweite mit hübschen Holzwerk verzierte Stock hat noch Reste von Bemalung und einige Inschriften. (Sprüche)

Es ist der Versuch diesen Eintrag in das rechte Licht zu rücken. Nach einschlägigem Studium der Kirchenbücher der Martinskirche (Heiraten von 1586 -1929) und den Inventuren, Lager- und Steuerbüchern (Archiv Gemeinde Pliezhausen), die um 1660 beginnen, ist festzustellen:

Das Gasthaus zum LAMM war nie auf dem Braiten Stein
Ein gewachsener Sandstein Fels, unten im Dorf, heute zwischen Kronengasse und Alte Steige.

Erst Mitte/ Ende des 19. Jahrhundert wurde die Posthalterei Schankwirtschaft zum Lamm unter Theodor Bayer 1870-1961 bekannt als der „alte Posthalter“. Das Haus stand im „Neckar-Tal am Strässle“ nach Tübingen, über den Neckar nach Oferdingen und vor der Alten Steige durchs Dorf Richtung Nürtingen.

Es gibt schriftlich festgehalten keine „Herrschaft“ die ein Schlössle gehabt oder gebaut haben könnte! Aber – es gab diverse Herrschaften die Zins einforderten, für ihren Landbesitz den sie in Pliezhausen als Lehen vergaben. Die Reichsstadt Reutlingen hatte ebenfalls Häuser, Gärten, Äcker und Wiesen in Pliezhausen, die es an einen Leher vergab. Für den Gasthof HIRSCH musste der erste Hirschwirt Ludwig Baier, “ins Kapitel nach Reutlingen zinsen“. Er war Leher und konnte weiter verpachten und dafür Geld einziehen.

Also war der Hirsch Besitz der Reichsstadt Reutlingen

Darüber wann das Haus aus dem Lehen der Reichsstadt Reutlingen entlassen und persönliches Eigentum wurde, ist unklar. Möglich wäre:

– 1803 als die Reichstadt Reutlingen zu Württemberg kam
– 1818 Aufhebung der Leibeigenschaft in Württemberg
– 1852 Aufhebung aller Grund- und Bodenlasten gegen eine Ablösesumme.

 

Gebäude

Die Jahreszahl 1623 , die in der Oberamtsbeschreibung genannt wird und die sich in der späteren Bemalung im Giebelspitz befand, konnte bis jetzt nicht geklärt, nur als Baujahr vermutet werden – in Reutlingen und Pliezhausen sind aus aus dieser Zeit keine dafür relevanten Aufschriebe vorhanden.

Inventur_1782

Der Hirsch, das Haus, wie es in der Inventur von 1782 nach dem Tod von Ludwig Baier als sein Besitz beschrieben ist:

„ein 2stöckig Haus, mit 2 Bewohnungen und Hofraithen nebst gewölbtem Keller unten im Dorf zwischen der gemeinen Straß und Hans Jerg Koch, üfer. stosst vorn auf die Allgemeind und hinten auf die Scheuren ….und Gartten…… Zinst ins Capitel nach Reutlingen samt Scheuren und……Gärtten“

 

 

 

 

20160225_J1-03_DSC_5104_Bantleon_Hirsch

Postkarte um 1900

Die Giebelseite des Hirsch ist reich mit Bemalungen, Wappen und Inschriften (siehe am Ende der Seite) versehen.

Am Treppenaufgang war das Hochzeitsdatum vom dritten Hirschwirt, Tobias Bauer und Katharina Raff, angebracht. Es konnte bis heute erhalten werden. Wann die erstmalige Bemalung erfolgte, lässt sich nicht mehr feststellen. Angeblich soll dies ein Kunstmaler aus der Nähe gemacht haben, der auch in Reutlingen verschiedene Malereien ausgeführt hatte. Die Restaurierung der Bemalung erfolgte jedoch um 1920/30 durch den Pliezhäuser Maler Adam Friedrich Hämmerle, was auch am Haus angeschrieben stand.

Wirte des Gasthauses Hirsch

Die Daten, in denen ein Hirschwirt genannt wird, sind jeweils Hochzeitsdaten der Kirchenbücher. Der erste Eintrag hierfür steht im Familienregister der Martinskirche Pliezhausen. Es gab in Pliezhausen bis zum Abbruch des Gasthaus HIRSCH im Jahr 1968 insgesamt 10 Hirschwirte. (Quelle: Kirchenbücher der Martingskirche Pliezhausen)

1. Hirschwirt

Ludwig Baier *1707 + 1782 Wirt und Richter
(Sohn von Johannes Baier, *1678 +1753, Beck , und von Barbara Marstaller)ziegler-baier
1. °° 1730 mit nn Veyel aus Neuhausen + 1731.
2. °° 1732 Anna Juditha Handel von Metzingen * 1714 +1788

Ludwig Baiers Grossvater war Hans Baier, *1648 in Schlieren/Schweiz, + 1719 in Pliezhausen, von Beruf war er Zimmermann. Er heiratete 1673 Katharina Löffler.

Dies war der erste mit Namen Baier in Pliezhausen. Von ihm stammen alle Baier/Bayer in Pliezhausen bis etwa um 1900 ab.

2. Hirschwirt

Hans Adam Baier *1750 +1786
(Sohn von Ludwig Baier)
°° 1780 Anna Katharina Raff, *1756 + 1822, sie war Ochsenwirtstochter von Bernhausen.
Nach dem frühen Tod von Hans Adam 1786, war sie Hirschwirtin, bis zu ihrer 2. Heirat am 17.07.1787 mit dem

3. Hirschwirt

Johann Tobias Bauer, *1763 + 1839, Metzger von Walddorf
Ihr Hochzeitsdatum 1787 war am steinernen Treppenaufgang eingemeißelt (siehe Foto)

Steintafel am Treppenaufgang

Steintafel am Treppenaufgang

4. Hirschwirt

Johann Michael Baier, *1782 + 1834, Metzger,
(Sohn von Hans Adam Baier und Anna Katharina Raff)
°° 1806 Katharina Koch

5. Hirschwirt

Johann Georg Bauer, *1794 + 1874, Hirschwirt und Bauer
(Sohn von Johann Tobias Bauer und Anna Katharina Raff)
°° 1822 Anna Magdalena Decker

6. Hirschwirt

Johann Georg Baier, Hirschwirt und Geometer *1806 + 1883
(Sohn von Johann Michael Baier und Katharina Koch)
°° 1838 Friederike Haug

7. Hirschwirt

Johann Georg Münzinger, *1821 +1896, Wagner und Hirschwirt
(Sohn von Feldmesser Gotthilf Christoph Münzinger und der Katharina Magdelena Baier, die wiederum eine Tochter des Ochsenwirts Johannes Baier (Sohn des 1. Hirschwirts) war.
°°1848 Friederike Baier
(Tochter des Metzgers und Bärenwirts in Pliezhausen Ludwig Baier *1793 +1863 und Christina Wilhelmine Mayer)

8. Hirschwirt

Johann Georg Münzinger, *1856 + 1934, Hirschwirt
(Sohn des 7. Hirschwirts Johann Georg Münzinger)
°° 1886 Katharina Röhm von der Mittelstädter Mühle

9. Hirschwirt

Wilhelm Löffler, *1907 + 1976, Kaufmann
°° 1928 Emilie Friederike Kimmerle,
Er bekam 1931 die Schankerlaubnis im Hirsch. Ab 1935 war er schon nach Reutlingen abgemeldet und bewirtete erst im Falken in der Katharinenstrasse in Reutlingen. Später waren er und seine Familie Gambrinuswirte in Reutlingen am Weibermarkt.

10. Hirschwirt

Heinrich Zimmermann, *1883 +1968, Backofenbauer
°° 1909 Emma Maria Berghaus von Haßmersheim
Er kaufte den Hirsch 1937 und bewirtschaftete ihn als Gasthaus bis 1939
1940 kaufte die Gemeinde Pliezhausen das Anwesen –
Bis zum Abbruch 1968 wurde es, je nach Bedarf, von Evakuierten, Ausgebombten und Kriegs- und Nachkriegsflüchtlingen bewohnt.

Anmerkungen zur Familie Bayer/Baier

Der Name Baier wurde unterschiedlich geschrieben, sowohl Bayer als auch Baier, ab etwa 1875 setzte sich Bayer durch. Die Nachkommen des Johannes Baier (Sohn des Hans Baier, Schweiz) waren fast alle Bäcker und Wirte. Diese Familie Baier hat alle Wirtschaften im UNTEREN DORF irgendwann einmal inne gehabt.
Die Hirschwirte waren 8 Generationsfolgen lang BAIER/BAYER, auch wenn sie BAUER oder MÜNZINGER geheißen haben, denn die Frau oder Mutter war jeweils eine geborene Baier/Bayer. Die Nachkommen des Hirschwirtes wurden Wirte des Rössle, des Ochsen, des Bären und Ende des 19. Jahrhunderts kamen die Krone, der Stern und das Lamm hinzu.

1955 gab es noch sechs Bäckereien im Ort, drei davon Bayer: der Kronenbeck Tobias, der Karl-Beck am Schulberg (beim ganz alten Schulhaus) und der Clemens drauß in der Gass, heute Esslingerstrasse.

 

Hirsch 1968

Hirsch 1968

Aus dem Archiv des Reutlinger Generalanzeigers
(K. Hermann)

Der Kandidat der sozialdemokratischen Partei lädt am 4.11.1900 nachmittags um 3 Uhr in den Hirsch ein und wird dort sein Programm zur kommenden Landtagswahl entwickeln.

Der Turn-Verein Pliezhausen lädt am Sonntag dem 20. Dezember 1903 die „werte Einwohnerschaft von nachmittags 5 Uhr ab zur Weihnachts=feier mit turnerischen Aufführungen, humoristischen Vorträgen und Gabensverlosung“ in den Gasthof zum Hirsch ein.

Am 2. Juni 1907 lädt der Sozialdemokratische Verein nachmittags 2 Uhr besonders die Frauen von Pliezhausen und Umgebung freundlichst in den Hirsch ein: Oeffentlicher Vortrag über das Thema „Die Frauen im Kampf ums Dasein“

Am 6.2.1908 erscheint folgende Anzeige von G. Münzinger z. Hirsch: „Zwei junge schwere Kühe, 1e mit dem Kalb, gut im Zug, unter aller Garantie, wegen Aufgabe der Landwirtschaft zu verkaufen:“

Wanderbericht einer Reutlinger Wandergruppe deren „frohe Sonntagswanderung“ am 30. August 1911 nach Pliezhausen führte: Nach dem Marsch, der an einem Schieferofen vorbei nach Rommelsbach und an die Oferdinger Mühle passierend über die Steinbrücke nach Pliezhausen hinauf führte, machten sie Halt um „im Hirsch auszuruhen, wo uns Mutter Münzinger einen kräftigen Kaffee braut“.
Zum Hirsch erwähnt der Schreiber „Der Hirsch, vor etwa 300 Jahren erbaut, trägt an seiner Vorderfront hübsch ausgeführte Malereien und Sprüche, die auf die Geschichte Pliezhausens hinweisen. Das Wirtschaftslokal ist an den Wänden und am Holzplafond ebenfalls mit Bildern und Sprüchen verziert.“
Die Wanderung führte die Gruppe anschließend „auf die Höhe zur Pappelallee, wo die beiden Eichen stehen.“ „Überrascht bewunderten wir die großartige Aussicht“ … vom Hohenzollern bis zum Hohenstaufen.
„Aber leider verhinderten die großen Bäume etwas die Aussicht. Der Albverein würde sich gewiß vielen Dank erwerben, wenn er hier den Bau eines Aussichtsturmes veranlassen würde.“
Danach gings wieder zurück nach Pliezhausen hinunter. „Im Hirsch schloß sich ein gutes Vesper aus Vater Münzingers Metzgerei an, dann noch ein Lied mit Klavierbegleitung und nun hieß es: Ade, auf Wiedersehen! Mond und Sterne begleiteten uns auf dem Heimweg.“

 

 

Inschriften an der Giebelseite:

Hirsch_Fotos_HeHe_0009

Postkarte um 1920

Links Mitte Mitte Rechts
Giebel A.D. 1623 DIESER BAU STEHT IN GOTTES HAND UND WIRD ZUM BREITENSTEIN GENANNT
2. Stock MEIN HEIL UND WEHR WAS BRAUCH ICH MEHR DEM FEINDE TRUTZ GOTT PREIS UND EHR
1. Stock DIES HAUS STEHT IN GOTTES G’GWALT VORNE NEU UND HINTEN ALT IM JAHR 1903 DA WOHNT DER BÜRGER FREI DA KANN ER RUHIG BAUEN OHN‘ INTERIM UND GRAUEN FAST VOR 300 JAHR KAM EINE FEINDESSCHAR DIE WOLLT UNS ALLES RAUBEN JA SOGAR NOCH DEN GLAUBEN HÄTT‘ MICH DAS LIEBE GELD NET G’REUT DANN HÄTT‘ ICH’S HINTEN AUCH ERNEUT

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Quellen:

Kirchenbücher der evang. Kirche Pliezhausen
Inventuren, Lager- und Güterbücher, Gemeindearchiv Pliezhausen
Privatfotos